BADER Weihnachtsgeschichte Teil 2
Mein Leben, Meine Auszeit

Zu Fuß zum Fest – BADER Weihnachtsgeschichte Teil 2

„Na, na, so viele Tränen! … kann ich euch vielleicht helfen?“, fragte da ein kleiner, dunkelhaariger Mann, der gerade an ihnen vorbeiging.

Zu Fuß zum Fest – BADER Weihnachtsgeschichte Teil 2

„Na, na, so viele Tränen! … kann ich euch vielleicht helfen?“, fragte da ein kleiner, dunkelhaariger Mann, der gerade an ihnen vorbeiging.

„Helfen, nein, wir …“, fing Erna an und wendete sich schon ab.

,Warum eigentlich nicht?‘, dachte sich Lisbeth. „Wir suchen die Sophienstraße 16!“, platzte sie heraus.

„Sophienstraße? Die kenn’ ich. Ist gar nicht mehr weit“, und – mit einem Blick auf die schlotternden Freundinnen in Hausschuhen und durchnässten Trainingsanzügen – „kommt, kommt, ich fahr euch hin. Habe ich mein Taxi da drüben stehen. Kommt, kommt! Keine Angst.“

„Ein Taxi?“, fragte Lisbeth und strahlte. Doch gleich darauf ließ sie den Kopf wieder hängen. „Aber, wir haben doch kein Geld dabei.“

„Ist doch nicht schlimm, ist doch nicht weit und ihr seid durchgefroren. Kommt mit, ich fahre euch … für umsonst. Keine Angst. Habe nur eben Zigaretten geholt, aber noch keinen neuen Auftrag. Kommt mit!“

„Ich weiß nicht“, zögerte Erna.

„Ach, jetzt komm schon“, drängte Lisbeth. „Der fährt uns zu deiner Familie, los jetzt!“ Damit schob Lisbeth die verdutzte Freundin Richtung Straßenrand, wo der Mann gerade ein rotes Taxi aufschloss.

„Bitte einsteigen, die Damen“, sagte er und hielt ihnen die Türen zum Rücksitz auf.

„Alles anschnallen. Es geht los!“ Lisbeth half Erna mit dem Sicherheitsgurt, da die im dunklen Fahrzeuginneren kaum etwas sehen konnte. Dann nahm sie die Hand der Freundin und flüsterte. „Jetzt wird doch alles gut!“

„Na, klar. Jetzt wird alles gut!“, rief ihr Fahrer von vorn und bog an der nächsten Kreuzung rechts ab. „Sophienstraße 16, alles klar! … ich bin übrigens Murat.“

Das Radio spielte Weihnachtsmusik, draußen zogen die Lichter der Stadt vorbei, im Auto war es angenehm warm und zum ersten Mal an diesem Abend konnten die beiden Freundinnen ihren Abenteuer-Ausflug genießen.

„So, die Damen. Schon sind wir da! “, rief Murat von vorne und hielt in der Einfahrt eines hell erleuchteten Einfamilienhauses.

Erna merkte, wie sie der Mut verließ. Mit einem Mal wusste sie nicht mehr, ob sie noch wütend auf ihre Tochter und deren Mann war, weil die sie vergessen hatten. Viel eher wünschte sie sich, dass die Tür aufspränge und sie ihre Familie in die Arme schließen konnte, dass niemand allein feiern müsste und sich heute, an Heiligabend, niemand streiten würde. Sie seufzte sehnsüchtig.

„Erna, jetzt komm aber! … Warte, ich helf’ dir“, hörte sie da Lisbeths Stimme.

„Tausend Dank, junger Mann“, wandte sich Lisbeth an Murat. „Das vergessen wir Ihnen nie!“

„Ah, bitte, bitte gern geschehen. Und frohe Weihnachten!“ – Damit schwang er sich wieder ins Taxi und winkte fröhlich während er langsam rückwärts auf die Straße zurücksetzte. Dann war er wieder in der Nacht verschwunden.

„Erna, was ist?“, fragte Lisbeth. „Willst du nicht klingeln?“

„Ich-ich trau’ mich nicht. Ich weiß nicht, ich meine, wenn sie mich doch nicht sehen wollen …“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein“, regte sich Lisbeth auf. „Jetzt haben wir es endlich bis hierhin geschafft, und du … du sagst ,ich trau’ mich nicht‘?!? Das gibt es doch wohl nicht … oh, da kommt jemand.“

Hinter der Tür war ein Schatten zu sehen, dann ein Augenpaar hinter dem Briefschlitz neben der Tür. Jetzt flog die Haustür auf:

„Oma! Oma!“, ein etwa 8-jähriges Mädchen mit langen, blonden Haaren stand ihnen gegenüber und strahlte. Jetzt umarmte sie Erna überschwänglich.

„Annabel, mein Engel“, schaffte die noch zu sagen, dann liefen ihr die Tränen übers Gesicht.

„Du sollst doch nicht einfach die Tür öffnen, wie oft hab’ ich dir gesagt … und was heißt hier eigentlich ,Oma‘?“, hörten sie eine ärgerliche Stimme aus dem Hintergrund.

Ernas Tochter stand vor ihnen und machte große Augen. „Mutti? Du … und Lisbeth, ihr … was macht ihr denn hier?!?“

Ernas Schwiegersohn Martin kam jetzt auch dazu. „Na, so was! Was habt ihr denn angestellt? Ihr seid ja ganz durchnässt.“

„Wir …“, bemühte sich Erna, ihre Stimme wiederzufinden. Sie küsste ihre Enkelin. „Wir waren verwirrt, weil doch Weihnachten ist und ihr … mich nicht besucht habt. Und ich hatte so Angst, dass ihr böse auf mich seid. Und Christiane, ihr wart sonst doch immer zu Besuch da an Heiligabend und ich war in Sorge, dass ihr mich nicht mehr sehen wollt und …“ Und dann kamen Erna wieder die Tränen und sie konnte nichts mehr sagen.

„Aber, Mutti“, unterbrach ihre Tochter sie und nahm sie fest in den Arm. „Mutti, beruhig’ dich doch! – Ihr habt euch im Datum vertan. Heiligabend ist erst morgen …“

„Wie, morgen?“, hilfesuchend blickte Erna von Christiane, zu Lisbeth und wieder zurück.

„Wie, morgen?“, rief jetzt auch Lisbeth. „Aber, aber wir sind doch extra heute los, weil … ich meine, auf unserem Adventskranz im Heim brennen doch schon seit bald einer Woche vier Kerzen.“

„Ja, klar“, und jetzt musste Christiane lachen. „Das ist auch richtig. Der 4. Advent war ja auch schon am 18., also letzten Sonntag.“

„Oh, oh nein … sind wir dumm!“ Erna schlug die Hände vors Gesicht.

„Ach, quatsch, Mutti! Jetzt mach’ dir mal keinen Kopf! Und du auch nicht, Lisbeth!“

„Ja, genau“, pflichtete ihr Martin bei. „Ihr seid jetzt da und wir freuen uns. Nicht wahr, Annabel?“

„Ja“, strahlte Annabel. „Hast du mir was mitgebracht, Oma?“

Alle lachten ein befreiendes Lachen.

„Na, du! Geschenke gibt es erst an Weihnachten“, schmunzelte Erna und schloss die Enkelin wieder in die Arme.

„Jetzt kommt erst mal rein! Ihr seid ja ganz durchgefroren. Kommt rein, es gibt heiße Suppe für alle“, sagte Martin.

„Und was Trockenes zum Anziehen braucht ihr“, meinte Annabel. „Ihr seid ganz nass.“

„… und das Gästezimmer richten wir euch nach dem Essen her. Ihr bleibt natürlich bei uns über Nacht“, ergänzte Christiane. „… und das Heim müssen wir anrufen. Die machen sich bestimmt schon Sorgen, wo ihre beiden ,Freigängerinnen‘ abgeblieben sind“, sagte Christiane mit einem Augenzwinkern.

Erna und Lisbeth schauten sich schuldbewusst an, dann mussten sie grinsen und nahmen alle Angebote dankend an.

Später an diesem Abend lagen die Freundinnen hundemüde in ihren Betten im warmen Gästezimmer. Christiane hatte alles mit der Heimleitung geklärt. Sie durften über Nacht bleiben, nachdem Martin die einzunehmenden Medikamente dort abgeholt hatte. Morgen, am Heiligabend, würden sie mit Ernas Familie zurückfahren und im Heim Weihnachten feiern.

Bevor sie einschliefen flüsterte Erna noch: „Lisbeth?“

„Hmmm?“, brummte die schlaftrunken.

„Lisbeth, danke dass du mitgekommen bist.“

„Ist doch Ehrensache! … Außerdem, ohne mich wärst du blindes Huhn doch direkt vor den Bus gelaufen …“

Erna grinste: „Gute Nacht, du alte Schachtel!“

„Gute Nacht, du alte Schreckschraube!“

„… und frohe Weihnachten!“

Kurz darauf waren beide mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht eingeschlafen.

– E N D E –