BADER Weihnachtsgeschichte Teil 1
Mein Leben, Meine Auszeit

Zu Fuß zum Fest – BADER Weihnachtsgeschichte Teil 1

„Vorsicht, Erna!“ – Lisbeth riss die Freundin am Arm auf den Gehweg zurück. Um ein Haar wäre die von der Bordsteinkante abgerutscht und auf die vielbefahrene Fahrbahn gestürzt…

Zu Fuß zum Fest – BADER Weihnachtsgeschichte Teil 1

„Lisbeth, jetzt komm schon, du Angsthase! Sonst geh’ ich allein!“, drohte Erna

„Du-du siehst ohne mich d-doch sowieso nichts, du-du blindes Huhn!“, gab Lisbeth zurück. Aber ihre Stimme zitterte. Sie hatte große Angst. Sollte sie Erna wirklich folgen, mit ihr ausbrechen?

„Mir reicht’s! Ich warte doch nicht so lange, bis sie uns holen kommen und wieder in die Zimmer stecken. Das hier ist die Gelegenheit!“ Tatsächlich hatten inzwischen alle übrigen Teilnehmer der kurz zuvor beendeten Vorlesestunde das Bücherzimmer im Erdgeschoss des großen Altenheims am Stadtrand verlassen – und die beiden diensthabenden Pflegerinnen mit ihnen.

Mit einem Ruck öffnete Erna eines der beiden Fenster in dem großen Raum, der Richtung Straße lag.
„Erna, lass das doch!“, bat Lisbeth inständig.
Stattdessen streckte Erna den Kopf nach draußen, um mit ihren schwachen Augen blinzelnd die Lage zu peilen. „Na, prächtig. Niemand auf dem Parkplatz. Also, los jetzt!“ – Mit diesen Worten schob sie einen Stuhl unter das geöffnete Fenster und stieg aufs Fensterbrett. Dann war sie draußen. Sie war gestürzt, rappelte sich aber schon wieder auf und zog die Trainingsanzugjacke mit zittrigen, aber entschlossenen Händen bis unters Kinn zu. Prüfend blickte sie sich noch einmal in alle Richtungen um. „Jetzt komm schon, sonst geh’ ich allein!“, drohte Erna wieder und stapfte los in Richtung Straße. „Erna, warte!“, rief Lisbeth voller Sorge. Jetzt hatte sie keine Angst mehr vor dem Erwischtwerden und der Strafe, sondern nur noch um die fast blinde Freundin. Ein letzter Blick auf die geschlossene Tür hinter sich und das geöffnete Fenster vor sich, dann stieg auch sie zitternd vor Angst auf den Stuhl unter der Fensterbank und war mit einem Sprung draußen. ,Na, also‘, dachte Erna und drehte sich schnell wieder um, damit die Freundin ihr triumphierendes Lächeln nicht sehen konnte. Lisbeth erhob sich von den Knien, schlang ihre Strickjacke fest um sich und eilte, Erna einzuholen. „Läuft doch super“, bemerkte die knapp.

„Wohin g-gehen wir denn jetzt?“, fragte Lisbeth mit noch immer zitternder Stimme. Es war kalt an diesem Dezembertag.

„Ich hab’s dir gesagt. Wir gehen zu meiner Familie … wenn die meinen, sie könnten mich an Weihnachten allein im Heim sitzen lassen, haben sie sich geschnitten. Wenn die nicht zu mir kommen, komme ich halt zu ihnen!“

„Vielleicht wären sie ja morgen gekommen, o-oder übermorgen?“, fröstelte Lisbeth. Sie hatten jetzt den Weg Richtung Innenstadt und Fußgängerzone eingeschlagen, da Ernas Tochter mit Mann und Tochter in einem Viertel auf der anderen Seite der Altstadt wohnten.

„Übermorgen?!?“, fauchte Erna. „Ich warte doch nicht bis zum 26. Dezember, bis ich meine Enkelin sehen kann. Nichts da, seit ich im Heim bin, haben sie mich immer an Heiligabend besucht. Und Heiligabend ist heute und nicht übermorgen! … hast du nicht mitgekriegt, seit wie vielen Tagen schon vier Kerzen auf dem Adventskranz im Speiseraum brennen? … ich sag’ dir, die wollen mich aufs Abstellgleis schieben … und die Weihnachtsfeier mit mir dieses Jahr ausfallen lassen. Aber so nicht, ha! Denen werde ich was erzählen! Komm, Lisbeth! Weiter!“

„Vorsicht, Erna!“ – Lisbeth riss die Freundin am Arm auf den Gehweg zurück. Um ein Haar wäre die von der Bordsteinkante abgerutscht und auf die vielbefahrene Fahrbahn gestürzt. Ein dicht an ihnen vorüberfahrender Bus hupte ärgerlich.

„Komm, ganz ruhig. Ich geh ja mit“, meinte Lisbeth versöhnlich. „Aber lass uns aufpassen, ja? Es wird schon dunkel.“ Sie hakte die zitternde Freundin unter. Arm in Arm gingen sie weiter …

Leichter Schneefall setzte ein. Wäre es nicht so kalt gewesen und hätten die beiden wintertaugliche Kleidung angehabt, es hätte ein wunderschöner Abend sein können. Die weihnachtliche Beleuchtung war sehr stimmungsvoll, die Schneeflocken tanzten Richtung Erde.
Erna und Lisbeth mussten durch die Altstadt. Sie hatten keinen Blick für die reich geschmückten Schaufenster oder die über den Straßen hängende Weihnachtsdekoration. Sie waren auf dem Weg zu Ernas Familie, unterwegs um Weihnachten zu feiern.

„Wie geht’s da vorne an der Kreuzung weiter?“

„Naja, die Adresse ist Sophienstraße 16.“

„Gut, aber in welche Richtung müssen wir gehen?“

„Richtung? … äh, ich, ich weiß nicht … rechts … oder war es links …“

„Was? … du jagst uns in Hausschuhen im Dunkeln durch die Kälte und weißt den Weg nicht?!?“

„Ja, jetzt reg’ dich mal nicht so auf … wir können ja fragen.“

Eine Frau wollte an ihnen vorbei hasten.

„Entschuldigung, junge Frau“, hielt Erna sie an. „Wir haben uns ver… ich meine, wir sind auf der Suche nach der Sophienstraße 16.“ Dass sie sich verlaufen hatten, wollte Erna lieber nicht zugeben. Nachher rief die Frau noch die Polizei und sie wurden abgeholt und zurück ins Heim gebracht.

„Sophienstraße? Nie gehört! … ich muss weiter …“, wollte die Frau sie stehen lassen.

„Warten Sie bitte!“, Erna hielt die Frau tatsächlich am Ärmel ihres Mantels fest. „Wir sind auf dem Weg zu meinem Sohn, Weihnachten zu feiern. Können Sie uns nicht helfen?“

„Nein, ich weiß den Weg nicht!“, erwiderte die Frau schroff.

„Aber es ist doch nur wegen Weihnachten“, versuchte es jetzt Lisbeth.

Da wurde die Frau richtig wütend: „Lasst mich doch in Ruhe mit eurem scheiß Weihnachten! Ich kann nichts für euch tun, verstanden? … pah, Weihnachten! Das würde ich auch gern mal wieder feiern. Aber ich kann nicht, ich muss arbeiten. Meine halbe Familie spricht nicht mehr mit mir und meine Kinder sind dieses Weihnachten bei meinem Ex-Mann. So sieht’s nämlich aus … und jetzt lasst mich los, ich muss weiter.“ Damit riss sich die Frau los und eilte davon.

„Also, so was!“, schimpfte jetzt Erna. „Manche Leute …“

„Lass die doch, wenn sie selbst so viel Kummer hat“, meinte Lisbeth und musste dann kopfschüttelnd feststellen: „Wir sind keinen Schritt weiter, Erna. Was machen wir denn jetzt?“

„So leicht gebe ich nicht auf! … Da vorn bei den Fahrrädern ist ein junger Mann. Der weiß bestimmt, wo wir hin müssen. … He, he Sie! Hallo! … Ja, genau. Warten Sie doch mal! Können Sie uns helfen? Wir brauchen nur eine Auskunft.“

„Was gibt’s denn?“, fragte der junge Mann verlegen lächelnd. Er hatte einen Fuß schon auf der Pedale.

„Sophienstraße 16 … da ist unsere …, äh, Weihnachtsfeier. Wie kommen wir dahin?“

„Weihnachtsfeier? Ich verstehe …“, konnte sich der junge Mann ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er ihre wenig festliche Aufmachung bemerkte. „Und wo soll die sein?“

„Sagte ich doch, Sophienstraße 16. Wir müssen da hin, zum Weihnachten feiern. Können Sie uns den Weg sagen?“

„Weihnachten feiern? Kann ich sowieso nichts mit anfangen. Ist doch eh alles nur Kommerz. Erst Shopping, dann ’n paar freie Tage, sonst nichts … und mit wem feiert ihr?“

Erst jetzt bemerkten die Freundinnen, dass der junge Mann glasige Augen hatte und ein im Gesicht festgewachsenes Grinsen. Sie tauschten einen hilflosen Blick.

„Wir wollen mit Ernas Familie feiern, ihrer Tochter, dem Schwiegersohn, der kleinen Enkelin …“

Der Fremde kicherte aus irgendeinem Grund. „Familie, … das ist gut! Warum feiert ihr nicht mit Freunden, so wie ich? Ist doch auch viel stressfreier und so …“

„Also, ich höre, sie können uns nicht helfen“, schnaubte Erna. „Komm, Lisbeth! Wir gehen …“

„War nett mit euch zu plaudern, Mädels“, rief der junge Mann.

„So ein Idiot!“, fluchte Erna. Sie zitterte, aber nicht nur vor Wut. Der Schneefall war in Schneeregen übergegangen und die beiden Freundinnen froren noch mehr in ihren nassen Trainingsanzügen und Pantoffeln. „Was machen wir denn jetzt?“, fragte sie und ihre Stimme zitterte auch. Lisbeth sah sie von der Seite an und stellte mit Entsetzten fest, dass Erna weinte.

„Na, komm“, sagte Lisbeth und rubbelte ihr die eiskalten Hände. „Wir schaffen das schon … und wenn wir vorne einfach links abbiegen?“

„Ach, das ist doch alles Mist hier! Warum sind wir überhaupt losgegangen? … Der junge Mann und die Frau haben doch Recht. Scheiß Weihnachten! … wir könnten jetzt schön im Heim am warmen Ofen sitzen und nicht hier durch die Kälte irren auf der Suche nach einer Familie, die mich eh zu Weihnachten nicht sehen will … komm Lisbeth, wir drehen um!“ Sie zog ihr Taschentuch aus der Hosentasche und schnäuzte sich. Mit zitternder Hand wischte sie sich über die Augen. ,Jetzt müssen wir umkehren … und mein Weihnachten fällt aus‘, dachte Erna.

Fortsetzung folgt am 20.12.2021…