BADER Weihnachtsgeschichte 2019 Teil 2
Mein Leben, Meine Auszeit

Weihnachtsanruf – BADER Weihnachtsgeschichte Teil 2

Max sah wieder unruhig zur Uhr. Eigentlich wollte er doch schon lange weg sein…

BADER Weihnachtsgeschichte Teil 2

Max sah wieder unruhig zur Uhr: Eigentlich wollte er doch schon lange weg sein, daheim sein, für sich sein und vor allem nichts mehr hören und sehen von Weihnachten! – jetzt schluckte er und fragte mit belegter Stimme: „Wa- warum, sind Sie denn allein?“

Die Dame seufzte, dann begann sie – und jedes Wort schien sie Überwindung zu kosten: „Mein … Mann ist jetzt schon über fünf Jahre tot. Er … hatte Krebs. Ich mache mir große Vorwürfe seitdem. Wissen Sie, … ich bin früher Krankenschwester gewesen, ich … ich hätte es doch früher merken müssen, ihn früher zum Arzt, ins Krankenhaus schicken müssen. … was meinen Sie denn?“, fragte Sie dann plötzlich.

„Naja“, sollte Max zugeben, dass er sich extrem unbehaglich fühlte und am liebsten aufgelegt hätte? Er riss sich zusammen: „… gibt es nicht auch Krebsarten, bei denen es fast schon zu spät ist, wenn man sie überhaupt erst feststellen kann?“ Als die Dame am anderen Ende der Leitung schwieg, schob er schnell hinterher: „Äh, was ich sagen wollte ist, … seien Sie nicht zu hart zu sich selbst. Ich meine, was hätten Sie denn tun sollen? … Sie haben doch dann als feststand, dass es Krebs ist, bestimmt alles getan, was sie konnten …“ „Aber nicht genug“, unterbrach sie ihn mit tonloser Stimme, „nicht genug!“

Es entstand eine lange Pause. Max hörte sie schwer atmen. „Junger Mann“, sagte sie dann mit festerer Stimme, „ich danke Ihnen für Ihre Geduld und wünsche noch einen schönen Abend …“ „Neinneinnein!“, fuhr Max dazwischen. Bloß jetzt nicht das Gespräch beenden, wer weiß was die alte Frau danach tun würde, wenn er jetzt so einfach auflegte. „Hören Sie, nicht auflegen! Wir … wir unterhalten uns doch gerade. Kommen Sie! Sie erzählen und ich höre zu …“ „Zuhören?“, schnaubte die Frau ins Telefon. „Wer tut das denn heute überhaupt noch?“ „Ich … ich tue das heute“, sagte Max entschieden und war selbst ganz überrascht von sich. „Ich höre Ihnen zu. …mit wem, ich meine, haben Sie noch andere Familienangehörige, mit denen Sie über den Tod ihres Mannes …?“ Er ließ den Satz unvollendet. „Nein … ja …ich weiß nicht“, begann die Frau. „Meine, meine Söhne vielleicht, aber, aber …“ und jetzt fing Sie wieder an zu weinen. „… aber die reden sowieso nicht mehr mit mir“, schluchzte sie. Oh, Mann, dachte Max! –

„Wo-woher wollen Sie das so genau wissen?“, fragte er und versuchte tröstend dabei zu klingen.
„Weil, weil ich seit Jahren nicht mehr mit ihnen gesprochen habe. Ich glaube, Sie geben mir auch die Schuld am Tod meines Mannes …“ „Wirklich seit Jahren?“, fragte Max dazwischen, „auch nicht an Weihnachten?“ – „Nein, auch nicht an Weihnachten“, schniefte die Frau, „… und weil ich nicht will, dass sie mir Vorwürfe machen, habe ich mich irgendwann auch nicht mehr gemeldet … und jetzt bin ich allein, völlig allein!“ „Gibt es denn keine Freundin oder Nachbarin, zu der Sie an Weihnachten mal …“, versuchte es Max. Die Frau wurde daraufhin richtig wütend: „… was glauben Sie denn, weshalb ich an Weihnachten irgendwelche Hotlines und Bestell-Nummern anrufe? Glauben Sie, ich würde das machen, wenn meine beste Freundin direkt in der Wohnung gegenüber wohnen würde? Glauben Sie das, ja?“

„Ich, … es tut mir leid“, sagte Max kleinlaut und starrte verloren auf den Bestell-Bildschirm vor sich. Die Frau atmete schwer: „Ja, ja … mir tut’s auch leid, ich …“ – Da klingelte ein Handy. Ein Handy? Max hatte seines während der Arbeit immer auf lautlos gestellt. „Ist das Ihr Handy?“, fragte er. „Mein … aber das kann doch eigentlich gar nicht … wer sollte denn? Ich meine, es hat doch kaum jemand die Nummer …“, murmelte die Frau verwirrt. „Gehen Sie doch mal ran!“, drängte Max. „Ja, … ja, Moment!“ Der Hörer wurde abgelegt. Dann kam das Klingeln immer näher, wahrscheinlich hatte die Frau das Handy jetzt bis direkt neben das Telefon geholt. Eine Taste wurde gedrückt. Es knackte und brummte in der Leitung, aber Max konnte trotzdem alles verstehen: „Ha- hallo?“, fragte die Frau. „Thomas, Du? … ja, ich meine, doch. Gut … ich … ich bin zu Hause, ja … wirklich??? … und, und Christian? … der auch? … ich, ich weiß nicht, seid ihr sicher? Na, na gut … in einer halben Stunde … ich werde fertig sein.“ Sie beendete das Gespräch, das Knacken und Brummen war schlagartig vorbei. „Hallo“, rief Max, „hallo, sind Sie noch da?“ … der Hörer wurde wieder aufgenommen: „Das, das war mein älterer Sohn“, stammelte die Frau ungläubig. Sie war durcheinander. „Er will mich abholen. Ganz spontan. Zum Weihnachten mit der Familie feiern. Er sagt, sie hätten über vieles nachgedacht. Und ob ich ihnen nicht vielleicht verzeihen könnte und mein jüngerer Sohn wäre auch bei ihm … und … ich hab Angst!“

„Nicht doch, haben Sie keine Angst!“, rief Max ganz aufgeregt.

„Das sagen Sie so einfach, nach so langer Zeit, ich meine, die hätten sich ja auch mal melden können. Immer saß ich hier ganz allein! Und dann einfach so anrufen und sagen: alles ist wieder gut … also, ich weiß nicht.“ … „Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, versuchte es Max. „Schließen Sie die Augen! …dann denken Sie an heute, denken Sie an Weihnachten! Denken Sie an die letzten Jahre, in denen Sie allein waren! Und dann denken Sie an Weihnachten, wie es sein sollte. Und dann öffnen Sie die Augen … und sagen mir wie Sie sich entschieden haben.“ … Stille … Sie räusperte sich. „Junger Mann“, begann sie, „ich muss jetzt aufhören. Ich kann heute nichts mehr bei Ihnen bestellen, mein Sohn holt mich in 25 Minuten ab. … haben Sie vielen Dank! Auf Wiederhören!“ … „Auf Wiederhören! Und frohe Weihnachten!“, rief Max und dieses Mal war da eine Freude in seiner Stimme, die einem kein Beruf der Welt beibringen kann.

Fünf Minuten später stand Max auf dem Parkplatz neben seinem Auto, rauchte und blickte in den grau-schwarzen Nachthimmel. „Weihnachten, wie es sein sollte“, murmelte er. Klingt idiotisch! Oder? – Er zückte sein Handy und wählte eine Nummer. „Hallo, Mama“, sagte er und konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. „Du, ich hab jetzt Feierabend. … kann ich Papa und dich besuchen?“

Zauberhafte Engel - Weihnachtsgeschichte